Eine Laune des Schicksals
1953, nach einem Spurt von Inspiration, haben zwei unbekannte Wissenschaftler das Geheimnis des Lebens innerhalb von einigen Wochen entschlüsselt. Hier lesen Sie, wie sie es geschafft haben.
VON MICHAEL D. LEMONICK

Am 28. Februar 1953 ging Francis Crick in eine Kneipe in Cambridge, England und verkündete, dass er und James Watson das 'Geheimnis des Lebens' gelüftet hatten. Das ist jedenfalls das, woran sich Watson erinnern kann; Dem Francis Crick zufolge, war es etwas anders. Die genauen Worte sind nicht so wichtig, denn es war Tatsache, sie hatten es geschafft. Etwas früher am selben Tag, war es den beiden Wissenschaftlern gelungen, das Problem zu lösen, an dem Forscher auf der ganzen Welt gegen die Uhr arbeiteten. Sie hatten ein Modell von Desoxyribonukleinsäure (DNA) gebaut, deren Struktur alles bewies, was sie geahnt hatten -  dass  DNA der Träger des genetischen Codes und somit der Schlüssel zu molekularer Vererbung, Wachstumsbiologie und Evolution ist. Watson und Crick waren nicht unbedingt die intelligentesten Wissenschaftler im Wettbewerb (sie waren trotzdem sehr klug). Sie hatten auch nicht die meiste Erfahrung; in diesem Bereich der Wissenschaft konnten sie ehrlich gesagt schlechte Leistungen vorweisen. Sie hatten keine gute Ausrüstung. In Biochemie kannten sie sich nicht einmal sehr gut aus.

Obwohl es so völlig gegen ihnen sprach, haben sie eine Entdeckung gemacht, die seitdem die Naturwissenschaften, die Medizin und das moderne Leben vollkommen verändert hat. Die ganze Tragweite ist immer noch nicht zu schätzen. Die Geschichte dieses merkwürdigen Paars, das das einfachste Rätsel der Molekularbiologie löste, zeigt, dass die beste Ausbildung und der klügste Kopf nicht immer reichen, um das Geheimnis der Natur zu erforschen. Man benötigt auch noch Härte, hartnäckige Ausdauer und dazu ein wenig Glück – und, wie Watson 1968 mit seinem umstrittenen Insiderbericht in seinem Bestseller The Double Helix (Die Doppelhelix) bewies, ein wenig Arroganz kann auch nicht schaden.




 

Als Watson im Herbst 1951 in Cambridge ankam, war der brillante und kesse 23-jährige bereits von DNA besessen. Er wollte eigentlich Biologe werden (seit der Kindheit war er an Vögeln interessiert), aber während seines dritten Jahres an der Universität von Chicago, las Watson ein Buch mit dem Titel ‚What is life?’ (Was ist Leben?), von Erwin Schrodinger, einem Gründer der Quantenphysik. Mutig trat Schrodinger von seinem eigentlichen Fachgebiet aus und argumentierte, eine der wesentlichen Funktionen des Lebens sei die Lagerung und Sendung von Informationen - das heißt, dass ein genetischer Code von den Eltern zum Kind weiter gegeben wird. Und da der Code sowohl komplex als auch kompakt genug sein musste, um in eine einzelne Zelle zu passen, musste er auf molekularer Ebene geschrieben werden.

Von den Argumenten angespornt, wechselte Watson von Vögeln zur Genetik, und 1947 ging er an der Universität Indiana, um Viren zu studieren. Das Virus ist die einfachste Lebensform auf dem Planeten, und außerdem eine, worin der Code besonders einfach zu finden sein kann. Dank einer Serie von exzellenten Experimenten an Pneumococcen Bakterien, zuerst von Fred Griffith des Britischen Gesundheitsministeriums, und etwas später von Oswald Avery am Rockefeller Institut (heute die Rockefeller Universität) in New York, hatten Wissenschaftler zu dem Zeitpunkt bereits starke Beweise, dass Schrodingers genetischer Code durch DNA getragen wurde.

Obwohl Biologen den Begriff Gene benutzten um "die kleinste Einheit genetischer Information" zu beschreiben, hatten sie leider keine Ahnung, was ein Gen wirklich ist. Und mit mehr Selbstsicherheit, als für einen 22-jährigen Doktorand gut und richtig ist, entschied Watson, dass er genau das herausfinden wollte. Zuerst ging er nach Kopenhagen, um ein Forschungsstipendium mit Biochemiker Herman Kalckar zu machen, der die chemischen Bestandteile der DNA studierte. Sein Stipendium endete vorzeitig. "Herman", schreibt Watson in The Double Helix, "stimulierte mich nicht im Geringsten." Noch schlimmer beschloss er, dass Kalckers Forschung kein sofortiges Verstehen von Genen versprach. Während einer Konferenz in Neapel, Italien, im Frühjahr 1951, besuchte Watson eine Vorlesung, wo Maurice Wilkins vom Kings College, London versuchte, die physikalische Struktur der DNA Moleküle mit Hilfe der Röntgenbeugung zu erklären. Wenn man Röntgenstrahlen durch ein Kristall scheint (Kristallen bestehen aus einigen biologischen Molekülen, inklusive DNA), dann prallen diese von den Atomen in den Proben ab und formen komplexe Muster auf einem Fotonegativ. Im Prinzip kann man die Muster ansehen und daraus wichtige Hinweise über die Struktur der Moleküle in einem Kristall ziehen. In der Praxis sind die Muster der DNA allerdings teuflisch schwer zu entwirren.

Aber Watson war ermutigt. Wilkins Bild deutete an, dass DNA eine reguläre kristallene Struktur hatte. Wenn man die Struktur verstehen könnte, dann wäre man in der Lage, die Funktionen von Genen zu begreifen. Hier war jemand, der, wie Watson, eine Theorie für richtig hielt, die viele Wissenschaftler noch nicht akzeptieren wollten: dass der genetische Code irgendwie mit der physischen Struktur der DNA zusammen hing. Er erkannte, dass er die Röntgenbeugung verstehen musste. Deshalb  wollte er Wilkins in London treffen; die Gelegenheit bekam er aber nicht. Watson musste also seinen neuen Chancen voll nützen. Er bekam ein Stipendium im Cavendish Labor in Cambridge, wo der Direktor, Sir William Lawrence Bragg, von1912 bis14 zusammen mit seinem Vater an der Untersuchung von Kristallen mit Röntgenstrahlen gearbeitet hatte.

Watson traf Crick zum ersten Mal im Herbst 1951. (Vorher hatte er Cricks Frau Odine getroffen - Ihr einziger Kommentar war: "Er hatte keine Haare!" – in Beziehung zu Watsons Igelschnitt.) Wie Wilkins war Crick ein Physiker, der aber Physik mit Biologie vertauscht hatte; und wie Wilkins und Watson, war Crick von Schrodingers  ‚What is Life’ beeindruckt. Er studierte keine DNA, obwohl, im Alter von 35, nach einer Unterbrechung für Militärdienst im 2. Weltkrieg, versuchte er immer noch seinen Doktor in der Röntgenbeugung von Hämoglobin, dem eisenhaltigen Protein im Blut, zu machen. Inzwischen war Watson, nach Cambridge gezogen, wo er die Röntgenbeugung benutzte, um die Struktur des Proteins Myolglobin zu verstehen.

Trotz ihrer offiziellen Aufgaben, waren beide Männer entschlossen, das Gen zu erklären. Außerdem waren sie überzeugt, dass das Verstehen der DNA-Struktur ihnen dabei helfen könnte. "Und da ich im Labor immer wieder über Gene sprechen wollte," schreibt Watson in The Double Helix, "so konnte auch Francis seine Gedanken über DNA nicht länger im Hinterkopf behalten ... Es machte niemandem etwas aus, dass er durch seine Gedanken an DNA für nur ein paar Stunden in der Woche abgelenkt war, er mir damit aber sehr behilflich war."

Die beiden Männer waren vollkommen kompatibel. "Jim und ich verstanden uns auf Anhieb," schreibt Crick in seinem Buch, What Mad Pursuit, "zum Teil, durch weil unsere unglaublich gleiche Interessen, und teilweise, glaube ich, durch eine gewisse jugendliche Arroganz, eine Rücksichtslosigkeit und eine Ungeduld bei schlampigem Denken." (Crick hatte häufiger Ärger bekommen, wenn er seine Bosse darauf hingewiesen hatte, dass ihr Denken oft schlampig war)

Beide Männer dachten gern stundenlang laut nach, ob beim Spaziergehen dem Fluss Cam, entlang, beim Essen in Cricks Wohnung, in der Kneipe oder im Labor, wo ihr stetes Gerede die Kollegen verrückt machte. (Watson und Crick wurden sehr schnell in ein anderes Büro abgeschoben, wo sie sich nur gegenseitig auf die Nerven gehen konnten). Aber noch wichtiger war, dass beide Männer so stur wie Rottweiler waren. Sobald ihre Gedanken beim Problem der DNA-Struktur ankamen, blieben sie so lange am Ball, bis sie das Problem gelöst hatten, oder bis jemand anderes dieses zuerst geschafft hatte.

Beide Männer glaubten, dass Linus Pauling es am ehesten schaffen würde. Eine spätere Generation erkannte Pauling besser für seine Aktivitäten gegen den Krieg und seine etwas verschrobenen Ideen, dass Vitamin C gegen Erkältung und Krebs wirken konnte. Aber Mitte des Jahrhunderts war er der beste Chemiker der Welt und hatte viele Bücher zum Thema chemischer Zusammenhänge geschrieben. Ein paar Monate bevor Watson in Cavendish ankam, war es Pauling gelungen, das Rennen um die Erklärung der Struktur von Keratin zu gewinnen, ein Protein, was in Haaren und Fingernägeln zu finden ist. (Es war eine lange, komplexe Kette von Atomen, auch Alpha-Helix genannt)


Während er sich für Untersuchungen auf molekularer Ebene auf Röntgenbilder verließ, baute Pauling jedoch auch Modelle von Hand, indem er seine Kenntnisse von Atomverbindung zur Hilfe nahm. Die Wissenschaftler von Cavendish nahmen nur die Röntgenbilder zur Hand, ohne sich von ihren Kollegen in der Chemieabteilung erklären zu lassen, wie Atome überhaupt funktionieren, und waren somit auf dem falschen Weg angelangt.

Der Rückschlag war peinlich - "der größte Fehler meiner wissenschaftlichen Karriere" sagte Bragg mal später - und Crick und Watson wussten, dass es durchaus wieder passieren konnte. Pauling verstand, dass die Struktur der DNA die nächste große Herausforderung war, aber sobald seine Gedanken sich mit diesem Problem befassten, wusste er, dass er es mit Sicherheit lösen konnte. "Innerhalb von Tagen nach meiner Ankunft wussten wir, was wir machen mussten," schreibt Watson, "Wir mussten Linus Pauling imitieren und ihn mit seinen eigenen Mitteln schlagen." Um dieses zu erreichen benötigten sie Röntgenaufnahmen von DNA, aber dafür mussten sie außerhalb von Cambridge suchen. Die Kristallograf von Cavendish waren an Protein interessiert; DNA war das Fachgebiet des King's College, London; und obwohl es akzeptabel war, mit den Amerikanern zu konkurrieren, sollte man nicht von seinesgleichen in England stehlen.

Glücklicherweise stand Crick mit Wilkins auf gutem Fuß, dessen DNA-Bilder das Interesse von Watson als erstes ausgelöst hatte. Leider hatte sich Wilkins mit seiner Kollegin am Kings College, der etwas stacheligen Rosalind Franklin, gestritten. Sie war 31, und in dem Alter bereits eine der talentiertesten Kristallograf auf der Welt, und war erst kurz zuvor aus einem bekannten Parisen Labor wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, um eine Stelle am Kings College anzunehmen.

Franklin war völlig für experimentelle Daten: Pauling hatte vielleicht Glück bei dem Modellbau, aber man kann DNA am Besten durch Röntgenbilder verstehen, wonach man diskutieren kann, was sie bedeuten. "Nur ein Genie von (Pauling's) Statur," schreibt Watling, indem er Franklins Haltung zusammenfasst, "konnte wie ein 10-jähriger Junge spielen und trotzdem die richtige Antwort finden." Wilkins machte den Fehler, öffentlich zu erklären, dass Franklins Bilder andeuteten, dass DNA eine Helix-Form hatten. Franklin war wütend. Er hatte nicht das Recht, so glaubte sie, auch mit Röntgen zu arbeiten – das war ihre eigene Domäne am Kings College.

Sie arbeiteten noch zusammen, sprachen aber kaum noch miteinander. Um herauszufinden, woran sie arbeitete, schrieb sich Wilkins 1951 in einem Seminar von Franklin ein. Er lud auch Watson ein. (Die Anwesenheit von Crick, dessen Interesse an DNA gekannt war, hätte wahrscheinlich zu hohe Wellen geschlagen). Wilkins hatte Watson vorgewarnt, dass Franklin schwierig sein konnte; Watson hatte generell eine abweisende Art, was Frauen betraf. Ihm gefiel "Bienen" - junge, hübsche, nicht sehr intelligente Dinger; aber starke und unabhängige Frauen verwirrten ihn. In einem Abschnitt von The Double Helix, schrieb er etwas vernichtendes über Franklin, was er später allerdings zurücknahm:

"Sie unterstützte nicht unbedingt ihre weiblichen Qualitäten. Obwohl ihre Struktur stark ausgeprägt war, war sie nicht unattraktiv, und wäre vielleicht sogar schön, wenn sie wenigstens etwas Interesse an ihre Kleidung gezeigt hätte. Aber das tat sie nicht, sie trug nie Lippenstift, was ihre schwarzen Haare komplimentiert hätte, und im Alter von 31 zeigten ihre Kleider den Ideenreichtum von englischen blaustrümpfigen Jugendlichen."

Dann kam es zur beruflichen Bewertung: "Es war klar, dass Rosy (ein Name, den sie hasste, und der deshalb von ihren Peinigern immer wieder benutzt wurde) weg oder zumindest in ihren Platz gesetzt werden musste. Die erste Lösung wäre natürlich die begehrtere, weil es wegen ihren schlechten Launen für (Wilkins) sehr schwer wäre, die Oberhand zu behalten und ungehindert über DNA nachzudenken."

Sie waren aber vorläufig auch auf Rosys Daten angewiesen, und Watson teilte Crick so schnell wie möglich mit, was er gesehen und gehört hatte. Aber Watson war ein wenig zu selbstsicher bis zu einem Ansatz von Arroganz, und hatte keine Notizen gemacht. "Wenn mich ein Thema interessiert," schreibt er, "dann kann ich mich normalerweise an das erinnern, was ich benötige. Diesmal hatten wir allerdings ein Problem, weil wir nicht mit dem Jargon der Kristallographie vertraut waren." Ein wesentlicher Punkt war die Wassermasse in Franklins DNA Probe. Watson erinnerte sich falsch, sehr falsch.

Mit dieser falschen Information bewaffnet, begannen beide ernsthaft zu arbeiten. Konventionelle Biochemie hatte Wissenschaftlern schon seit langem erklärt, dass DNA aus vier organischen Molekülen besteht: die vier Grundsteine - Adenin, Cytosin, Thymin, Guanin, oder A, C, T and G - mit großer Wahrscheinlichkeit einem "Rückgrad" von Zucker und Phosphaten entlang. Die Frage war, Wie? "Vielleicht wäre eine ganze Woche am Spielen an einem Molekülmodell nötig," schreibt Watson, "um sicher zu gehen, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Dann wäre es offensichtlich für die Welt, dass Pauling nicht die einzige Person mit Einblick in die Konstruktion von biologischen Molekülen war."

Ein paar Wochen später waren sich Crick und Watson sicher, dass sie es geschafft hatten. DNA war eine dreifache Helix. Sie luden Wilkins ein, um einen Blick auf ihr Modell zu werfen, und zu ihrer Überraschung kam auch Franklin mit. Es dauerte nicht lange, bis alle merkten, dass Watsons Erinnerung ihn betrogen hatte. Die Wassermasse in einem DNA-Molekül war zehnmal so groß wie die Masse, die er angenommen hatte. Die von Crick und Watson entwickelte Struktur war einfach nicht möglich.

Ihr Fehler hatte gleich zwei Folgen. Die erste war dass Bragg, der von Cricks Unverschämtheit die Nase voll hatte, beiden verbat noch weiter aktiv an der DNA zu arbeiten. Und zweitens, war Franklin  (die bis dahin Crick und besonders Watson gegenüber misstrauisch war) überzeugt, dass Watson ein Vollidiot war. Verärgert gaben Watson und Crick ihr Modell an die Kings Gruppe weiter und baten Wilkins und Franklin darum, sie zu benutzen. Watson und Crick waren zwar selber ehrgeizig, aber auch leidenschaftlich daran interessiert zu wissen, wie die Struktur der DNA aussah. Wenn sie selbst diese Entdeckung nicht machen konnten, dann sollten wenigsten ihre Bekannten Wilkins und Franklin dieses tun. Aber der fehlgeschlagene Versuch von Cavendish hatte Wilkins und Franklin überzeugt, dass der Bau von Modellen die Struktur der DNA nicht lösen würde. Sie benutzten das Modell nie.

Watson befasste sich gezwungener Weise mit der Arbeit an der Struktur des Tabakmosaik Virus, und Crick ging wieder zum Hämoglobin zurück. Aber kein Labordirektor konnte sie davon abhalten, untereinander über DNA zu reden. Obwohl ihre Pannen das erste Mal ein wenig entmutigend waren, ließen sie sich dadurch nicht abschrecken. Sie hatten ja keinen Ruf zu verlieren. Und als sie basierend auf falsche Information und Fehlern zu falschen Schlüssen gekommen waren, war das nur ein Anstoß, bessere Informationen zu suchen und das nächste Mal vorsichtiger zu sein.

Abgesehen davon, konnten sie jetzt nicht aufgeben, denn Pauling war mit Sicherheit auf der richtigen Spur. Er hatte an Wilkins und dann an Wilkins Chef J T Randall geschrieben, um nach Kopien der Röntgenbilder von Kings College zu fragen. Beide Männer lehnten ab. Aber Pauling wollte zu einem Treffen der Royal Society im Mai 1952 gehen; es wäre schwerer, ihm dieses persönlich zu verweigern. Als Pauling in New York ein Flugzeug besteigen wollte, entzogen ihm die US-Behörden den Pass, aus keinem anderen Grund, als dass seine linksradikalen politischen Ansichten gefährlich wären. Obwohl dieser Setback Pauling etwas hinhalten könnte, wussten Watson und Crick, dass ihn das nicht stoppen würde.

Inzwischen, machte Die Gruppe von Kings College mit ihrer DNA-Forschung weiter. Franklin wollte ihre Röntgenbilder vervollkommnen. Im Mai 1952 nahm sie ein Bild auf, was im Nachhinein einen wichtigen Beweis zeigte - obwohl sie dieses bis zu ihrem Tod nie erfahren würde. Durch das Erhöhen der Feuchtigkeit im Laborinstrument fand sie, und ein Diplomstudent mit Namen Raymond Gosling, dass DNA zwei Formen annehmen kann. Wenn sie genügend Feuchtigkeit beinhalten, dann strecken sich die Moleküle und werden dünner, und die Bilder wurden deshalb schärfer als alles, was man je zuvor gesehen hatte. Sie nannten die nassere Version die B-Form der DNA.

Wilkins war fasziniert; die Bilder überzeugten ihn immer mehr, dass die DNA-Moleküle spiralenförmig waren, und er schlug eine Zusammenarbeit mit Franklin vor, damit sie gemeinsam die B-Form studieren konnten. Aber Franklin war immer noch überzeugt, dass ihr Foto keine Spirale zeigte, und bekam, laut Wilkins, einen Wutanfall - "Sie explodierte," schrieb Brenda Maddox 2002 in ihrer sympathisierenden Biografie Rosalind Franklin: The Dark Lady of DNA. "Rosalind hatte auch guten Grund ... Unterschätzt an Kings College, hatte sie gerade unglaubliche Ergebnisse erbracht, und das in fast vollkommener Isolation. Jetzt sah sie, dass ein weniger begabter Kollege von höherem Rang sich einmischte, und bestand die Gefahr, dass die Klarheit der Forschung beeinträchtigt würde." Dieser öffentliche Streit bei dem, beunruhigt Randall, der Labordirektor,  und so beschloss er, dass Wilkins an B-Form der DNA arbeiten solle, und Franklin ausschließliche Rechte and der A-Form bekam.  Unbeabsichtigt und indirekt hatte er Watson und Crick ein wichtiges Teil der Information gegeben.

Durch den Sommer und die Herbstmonate 1952 unterhielten sich Watson und Crick immer weiter, in der Hoffnung, die unverbundenen Teile des DNA Puzzles zusammen bringen zu können. Ein Stück der Entdeckung war im Jahr zuvor von dem österreichischen Flüchtling Erwin Chargaff gemacht worden. Bei der Analyse der DNA von verschiedenen Organismen hatte er gefunden, dass, obwohl der gesamte Anteil der vier DNA-Grundbausteine verschieden in den Arten auftaucht, war es trotzdem immer sicher, dass die Anzahl von Adeninmolekülen immer etwa gleich mir denen der Thymin war, und Guanin und Cytosin waren ebenfalls gleichartig vorhanden. (Chargaff besuchte Cambridge in dieser Zeit und war entsetzt, wie wenig Watson und Crick von der grundsätzlichen Chemie wussten - und beleidigt als er sah, wie wenig das die beiden störte) Aber der Fortschritt bei diesem großen Problem ging nur langsam voran. "Beim Spazierengehen wurde unsere Begeisterung wieder geweckt und wir spielten nach unsere Rückkehr mit den Modellen in unserem Büro," schreibt Watson. "Aber jedes mal sah Francis die Schlussfolgerungen, die uns Hoffnung gegeben hatten, ins nichts verschwinden ... Mehrere Male versuchte ich mich noch eine halbe Stunde allein damit zu befassen, aber ohne den beruhigenden Einfluss von Francis wurde meine Unfähigkeit dreidimensional zu denken immer deutlicher."

Im Dezember 1952 bekamen sie schlechte Nachrichten. In einem Brief an seinen Sohn Peter, einem Studenten in Cambridge, schrieb Pauling, dass er schon sehr bald ein Schriftstück über die Struktur der DNA veröffentlichen wird. Watson und Crick hatten das Rennen anscheinend verloren. Peter erhielt den Brief seines Vaters am 28. Januar und ging ins Büro von Watson und Crick um ihnen davon zu berichten. "Ich gab Francis keine Chance nach dem Manuskript zu fragen," schreibt Watson, "Ich zog es aus der Unterseite von Peters Mantel und fing an zu lesen." Paulings Theorie war ein dreisträngiges Molekül mit Zuckerphosphaten als Rückgrad in der Mitte. Auf Anhieb wurde es Watson klar, dass es keinen Sinn machte. "Ich konnte den Fehler nicht genau finden, aber ich sah mir die Illustrationen einige Minuten lang an. Dann merkte ich, dass die Phosphate in seinem Modell nicht ionisiert waren ... Paulings Nukleinsäure schien überhaupt keine Säure zu sein."

Aber DNA war natürlich eine Säure. Pauling, der Welt größter Chemiker, hatte einen Fehler in der Grundlage der Chemie gemacht - ein unglaublicher Patzer. Watson und Crick stießen in der Kneipe auf die Niederlage von Pauling an. Sie waren aber noch nervöser als vorher. Die Papiere sollten im März veröffentlicht werden, sobald das passierte, würde jemand den Fehler bemerken. Pauling würde dann noch intensiver arbeiten, um sich zu rehabilitieren. Sie hatten höchsten sechs Wochen, um das Geheimnis des Lebens zu entschlüsseln.

Es war Watson auch bewusst, dass er Wilkins und Franklin über Paulings knappe Niederlage berichten musste. Am 30. Oktober fuhr er nach London. Wilkins war nicht in seinem Labor, also schaute Watson bei Franklin vorbei. Was dann passierte ist, aus der Sicht von Watson, was in großem Detail in The Double Helix beschrieben ist. Der Absatz zeigt, wie beeindruckend Franklin sein konnte und ebenfalls, Watsons jugendliche Freude daran, sie herabsetzend zu behandeln. Er versuchte Franklin zu überzeugen, dass die DNA spiralförmig ist, und sie bestand immer noch darauf, dass dieses nicht bewiesen werden konnte. "Rosy konnte zu dem Zeitpunkt ihre Launen kaum unter Kontrolle halten”, schreibt er, "und ihre Stimme wurde immer lauter, als sie mir vorhielt, dass ich meine dummen Bemerkungen einstellen sollte und dann endlich die Beweise auf den Röntgenbildern ansehen würde.

"Ich beschloss eine Explosion zu riskieren," berichtete er weiter. "Ohne weitere Nachsicht hielt ich ihr vor, dass sie unfähig war, die Röntgenbilder zu interpretieren. Wenn sie nur ein wenig an der Theorie arbeiten würde, dann könnte sie verstehen, wie ihre möglichen nicht spiralförmigen Merkmale von kleinen Störungen stammten, die die normalen Spiralen im Kristallgitter hinterlassen." Die Explosion trat ein. "Auf einmal kam Rosy hinter der Laborbank die uns trennte hervor auf mich zu. Ich hatte Angst, dass sie auf mich in einem Anfall von Wut einschlagen würde, und so griff ich nach Paulings Manuskript und versuchte schleunigst das Feld zu räumen. Meine Flucht wurde bei Maurice (Wilkins) unterbrochen, der nach mir gesucht hatte, und in dem Augenblick gerade seinen Kopf durch die Türspalte steckte." Franklin verschloss die Tür hinter beiden Männern. "Wir gingen den Gang hinunter," berichtet Watson weiter, "und ich erzählte Maurice, wie seine Ankunft wahrscheinlich Rosys Angriff auf mich verhindert hatte. Er versicherte mir, dass dieses wahrscheinlich der Fall gewesen wäre. weil sie ein paar Monate zuvor sie einen ähnlichen Angriff auf ihn gewagt hatte." Vereinigt in ihrem Glauben, dass Rosy unmöglich war – beide Männer waren sich sicher, dass sie eine solche Reaktion nicht herausgefordert hatten – begannen Watson und Wilkins sich zu unterhalten. "Jetzt, wo ich mir nicht mehr nur vorstellen brauchte, worunter er in den letzten zwei Jahren leiden musste," schreibt Watson, "so konnte er mich fast wie einen Kollaborateur und nicht als entfernten Bekannten behandeln." Im Zuge dieser Unterhaltung zeigte Wilkins ein Bild der B-Form von Franklin. Beschriftet als Foto 51, war es ihr bestes - und", Watson schreibt, "in dem Moment, wo ich das Bild sah, fiel mein Mund offen und mein Puls fing an zu rasen. Das Muster war viel einfacher als wir vorher bereits gedacht hatten. Und das schwarze, reflektierende Kreuz, das das Bild dominierte konnte nur von einer spiralen Struktur stammen."

DNA musste einfach spiralförmig sein und, bei einer Fahrt in einem kalten Zugabteil zurück nach Cambridge, fasste Watson die Entscheidung, dass zwei spiralförmige Zuckerphosphate als Stütze mehr Sinn als drei machten. "Zu dem Zeitpunkt an dem ich wieder am College mit dem Fahrrad angekommen war, hatte ich bereits entschieden, ein Modell mit nur zwei Ketten zu bauen. Francis würde zustimmen müssen. Obwohl er ein Physiker war, wusste er dennoch, wie wichtige biologische Objekte in Paaren vorhanden waren." Es war nicht nur die Klarheit in Franklins Bildern, die Watson erregte. Es war auch die Tatsache, dass sich das Muster nach 34 Angstrom (ein Angstrom ist ein 10 Billionstel eines Meters) wiederholte. Das gab Crick und Watson die entscheidende Information, was die Winkel zwischen den Molekülen betraf. Und noch besser, schien das Bild zu zeigen, dass die Grundsteine geschickt gestapelt aufeinander passten.

Aber waren die beiden Stützen auf der Innen- oder Außenseite der DNA? Auf der Innenseite schien sehr viel überschaubarer: mit den Bausteinen nach außen streckend, wäre den bestimmten Code, den sie in sich trugen, einfach einzusehen. Aber es sah so aus, als ob es nicht möglich wäre, dieses in einem chemischen Zusammenhang zu analysieren. Trotzdem versuchte Watson tagelang. Schlussendlich, schreibt er, "als ich ein besonders hässliches Molekül mit Rückgrat im Zentrum auseinander nahm, da entschied ich mich, dass es nicht schaden würde, an dem Modell mit dem Rückgrad außen zu arbeiten." Dieses aber warf die Frage auf, wie die Stränge der Grundsteine zusammengestellt werden sollten. Aber Watson rückte diese Sorgen für den Augenblick vorübergehend zur Seite.

Am 8. Februar 1953 waren Wilkins und Watson bei den Cricks zu Mittag eingeladen, wobei die Wissenschaftler von Cavendish einiges lernten. Erstens war es in Ordnung mit Wilkins, wenn sie mit dem Modellbau weitermachen wollten, (glücklicherweise, weil sie bereits damit angefangen hatten und kein Interesse daran hatten, damit aufzuhören) Noch wichtiger war die Nachricht, dass die Kings Gruppe einen Bericht über ihre DNA-Studien für das Medical Research Council verfasst hatten, was ihre Arbeit unterstützte. Es war kein geheimes Dokument und somit möglich für Watson und Crick, dass sie eine Kopie davon bekommen konnten. Darin waren einige wichtige Hinweise enthalten, besonders die Tatsache, dass DNA eine spezifische symmetrische Struktur hatte, die darauf schließen ließ, dass die Molekulare in beiden Ketten in entgegengesetzten Richtungen liefen.

Aber ein Problem gab es immer noch, nämlich wie diese Grundsteine zusammen passen sollten. Watson versuchte die gleichen Grundsteine zusammen zu binden, z.B. versuchte er ein A mit einem anderen A zu verbinden. Chemisch gesehen hätte es funktionieren können. Die Grundsteine waren aber in Form und Größe so verschieden, dass sie Lücken oder Deformationen zwischen den Grundsteinen hinterließen. Und zu allem Übel, zeigte Watson dem Jerry Donohue diese Idee, einem amerikanischen Kristallograf, der gerade eine Zeit in Cavendish verbrachte. Donohue teilte ihm mit, dass die Grundsteine in mehr als einer chemischen Form zusammen kamen. Watson benutzte die Formen, die in Textbüchern beschrieben war. Aber diese Textbücher, so behauptete Donohue, waren falsch.

Watson und Crick benötigten etwa eine Woche um zu sehen, ob Donohue Recht hatte. Die Cavendish Bauhalle musste neue Teile für das Modell bauen. Watson konnte nicht warten. Am 27. Februar fing er an, seine eigenen Teile aus Pappe auszuschneiden. Dann ging er ins Theater. Am 28. Februar fing er mit diesen Bausteinen aus Pappe zu arbeiten, und versuchte immer und immer wieder diese zusammen zusetzen, bis ihm ein Licht aufging. "Plötzlich," so schreibt er, "wurde es mir bewusst, dass das von zwei Wasserstoffbrückenbindungen zusammen gehaltene Adenin-Thymin Paar identisch mit der Form des Guanin-Cytosine Paars war." Wenn die Grundsteine in dieser Art verankert wurden, dann wären die Ruckgrate nicht uneben. Und ein solches Arrangement erklärte dann auch, was Chargaff im Jahr 1950 entdeckt hatte. Wenn A und T immer zusammen gehören, dann musste es eine gleiche Anzahl dieser Grundsteine geben; genau das gleiche gilt dann für G und C.

"Was noch erstaunlicher war," schreibt Watson, "dieser Typ von Doppelhelix schien ein sich wiederholendes Schema zu haben … Adenin war immer mit Thymin und Guanin mit Cytosin gepaart, was bedeutete, dass die beiden ineinander verwundenen Ketten sich gegenseitig ergänzten. Nimmt man die Grundsequenz einer Kette, dann ist ihr genauer Partner bereits bestimmt. Es war doch einfach zu begreifen, wie eine einzelne Kette die Schablone für die Synthese einer Kette mit einer ergänzenden Reihenfolge sein könnte."

Er konsultierte Donohue. Es machte Sinn. Crick kam etwa 40 Minuten später hinzu, und es war ihm auch logisch. Es gab noch Einzelheiten, die ausgearbeitet werden mussten, und Watson befürchtete, die Arbeit, wie bereits im Jahr 1951, verpfuscht zu haben. "Deshalb," schreibt er, "war mir etwas mulmig, als Francis mittags in die Kneipe spazierte und allen anwesenden verkündete, dass wir das Geheimnis des Lebens entschlüsselt hatten."

Aber sie hatten es tatsächlich geschafft. Wilkins und Franklin wurden ein paar Tage später davon unterrichtet – aber sie sagten Franklin nicht, welche ausschlaggebende Rolle ihr Foto gespielt hatte. Am 25. April 1953 wurde der Rest der Welt über die Doppelhelix in einem einseitigen Brief in der Zeitschrift Nature erzählt. Der Brief fing mit dieser heute berühmten Untertreibung an: "Wir möchten eine Struktur für das Salz der Desoxyribonukleinsäure (D.N.S.) vorstellen. Diese Struktur hat neue Merkmale und kann von großem biologischem Interesse sein."

Im Nachhinein, hatten sie etwas so einfaches und elegantes gefunden, dass Pauling, Wilkins, Franklin oder sonst jemand ein paar Wochen später wahrscheinlich selbst darauf gekommen wären. Und der Grund, warum wir Watson und Crick kennen, wird von Crick selber so erklärt. "Die eigentliche Ehre, glaube ich, die Jim und ich verdienen, ist, dass wir das richtige Problem gewählt hatten und dabei geblieben sind. Es stimmt wahrscheinlich, dass wir durch unsere Ungeschicktheit auf Gold gestoßen sind. Aber die Tatsache bleibt, wir hatten nach Gold gesucht."